sich habe, die ihm lästig seien, da meint sie, es scheine sein Wunsch zu sein, daß sie sich jedes geselligen Verkehrs enthalte und i h r ganzes Leben in der Einsamkeit zubringe (s. oben S. 332). Wenn dann Alceste zum Schluß die Absicht ausspricht, sich nunmehr allein nach einem einsamen Fleck auf der Erde zu- rückzuziehen, so entspricht dem im Roman, daß hier Leontidas, von Alcidamie abgewiesen, tatsächlich die Insel Samos verläßt und so alle seine bisherigen geselligen ^Verbindungen zerreißt. Endlich: wie in dem Roman die Erzählung meist in deui Zimmer der Alcidamie spielt, so ist bei Moliere Schauplatz der Handlung ausschließlich der Salon der Celimene. Ich denke, die hier nachgewiesenen, der Alcidamie-Episode und dem Misanthrope gemeinsamen Züge sind speziell, weit- gehend und zahlreich genug, um es sehr wahrscheinlich zu machen, daß wesentliche Züge der Handlung des Moliereschen Lustspiels und zum Teil auch die Charaktere der Hauptpersonen aus ihr stammen — ob infolge von unbewußter Reminiszenz odi'r auf Grund von bewußter Verwertung der Episode durch den Dichter, möchte ich dahingestellt sein lassen. Unzweifelhaft ist ein guter Teil der eigentlichen Handlung des Misanthrope im Amant jaloux in den allgemeinen Umrissen vorgezeichnet: Ein junger Mann vornehmen Standes liebt ein junges Mäd- chen, bzw., im Misanthrope. eine junge Witwe, welche Gefallen daran findet, auch andere Verehrer in ihrer Wohnung zu emp- 338 Zwei Quellen von Moliöres Misanthrope fangen, mit ihnen zu konversieren und ihre Huldigungen ent- gegenzunehmen. Dem Helden ist die 'universelle complaisance' der Dame ein Dorn im Auge, und es erwacht in ihm eine heftige Eifersucht auf seine Rivalen, die ihm die größten seelischen Qualen verursacht, ihn tief deprimiert und gelegentlich in hef- tigem Zorn aufbrausen läßt; besonders mißfällt ihm auch der Hang der Dame zur Medisance, und es kränkt ihn tief, daß sie sich über ihn selbst lustig macht. Die Dame hegt wohl freund- liche Gefühle für den Helden, aber keine irgendwie tiefere Nei- gung; als er deshalb um ihre Hand anhält, lehnt sie seine Wer- bung ganz entschieden ab, im einen Falle, weil sie keinen un- aufhörlich eifersüchtigen Gatten zu haben wünscht, im anderen, weil der Liebhaber zur Bedingung macht, daß sie sich mit ihm aus der menschlichen Gesellschaft zurückziehe, wozu sie mit ihren zwanzig Jahren nicht die geringste Lust verspürt. Der in tiefster Seele verwundete Liebhaber verläßt den Ort, wo die Dame weilt, bzw. (im Misanthrope) er spricht die Absicht aus, dies zu tun und sich in die Einsamkeit zurückzuziehen — ob die Absicht zur Ausführung gelangt, erfahren wir nicht. Celimene ist eine in der Richtung auf Koketterie und Medi- sance gesteigerte Alcidamie, Alceste ein Leontidas, bei dem zur selbstquälerischen Eifersucht ein sich in schroffster Weise äußern- der Wahrhaftigkeitsfanatismus und, als dessen Frucht, die Misan- thropiehinzugetretenist, d.h. Alceste ist in wesentlichen Zügen eine Synthese aus Leontidas und dem im gleichen Roman an späterer Stelle geschilderten Megabates, d. i. dem Herzog von Montausier. Wenn, wie ich glaube, die hier vorgetragene Auffassung die richtige ist — und ich glaube, alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür — , dann kommt also Brunetiere das Verdienst zu, als erster feine wirkliche Quelle für den Misanthrope, aus der nicht nur Einzelheiten, sondern wichtige Elemente der eigentlichen Hand- lung stammen, nachgewiesen zu haben, wenn er es auch unter- lassen hat, seine Entdeckung systematisch auszubeuten, die Fäden, welche den Misanthrope und Frl. von Scuderys Amant jaloux verbinden, genauer ins Auge zu fassen, und sich infolge- dessen der weittragenden Bedeutung seines Fundes gar nicht bewußt geworden ist; denn unzweifelhaft haben der Misanthrope und die Alcidamie-Episode mehr miteinander gemein als 'einige Züge' im Charakter der Heldin. (Schluß folgt.) Rostock i. M. Rudolf Zenker. Aus dem Briefwechsel der Brüder Grimm mit Romanisten und Schriftstellern. Der Tätigkeit JacobGrimmsals Romanisten ist in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit zugewandt worden. Nachdem seine Bedeutung für diese Wissenschaft in einer Arbeit über die romanische Philologie an der Berliner Universität^ nachdrücklich anerkannt, sein Wirken im Zusammenhang mit der Romantik in einer anderen Arbeit gewürdigt wurde,^ ist 1914 eine Monographie über Jacob Grlnint als Romanist^ erschienen. Trotz aller dieser Arbeiten ist das Thema noch nicht erschöpft, eine genaue Durch- sicht seiner Werke und seines Briefwechsels fördert immer nocli neues Material zutage, deckt neue Fäden auf, die ihn mit dieser Wissenschaft verknüpften. Der Grimm -Nachlaß in Berlin bewahrt eine Reihe von Briefen romanischer Philologen Frankreichs und Deutschlands an Jacob Grimm und seinen Bruder Wilhelm auf, die weitere Belege dafür bieten, wie sehr die romanische Philologie der Wirksamkeit beider Brüder verpflichtet ist. • Sie sollen im folgenden zum Abdruck gelangen.'' Die Briefe bieten sachlich wenig Neues. Sie entstammen alle einer Zeit, wo die junge Wissenschaft noch im Entstehen war. wo das Material, dessen Fülle man nur ahnte, erst zutage ge- fördert werden mußte, ehe ein gedeihliches Arbeiten beginnen konnte. So tap])en sie noch im Dunkeln auf manchen Gebieten, auf welche beim heutigen Stande der Wissenschaft ein hflics jjicht fällt. Aber ihr Interesse l)eruht gtsrade darin, daß sie uns einen Einblick gewähren in die Frühzeit der romanischen Philo- logie, daß sie uns das allmähliche Wachsen und Werden derselben unter der gemeinschaftlichen Arbeit Deutschlands und Frank- reichs zeigen. Neben diesem allgcnicincn für die Geschichte der romanisehen Pliihilogie bedeutsamen Interesse bieten uns die Briefe das ganz. ])ersönliche an dem Wirken Jacob Grimms für diese Wissen- schaft. Sie sind neue Beweise für die Gewissen ha ftigkeit seiner 1 Ri.se Augen mit Entzücken an den gotischen Handschriften, die er in den dortigen Bibliotheken findet. Wenn so seine Liebe zu heimischer Art und Dichtung ihn der romanischen Kunst gegenüber nicht ganz unparteiisch erscheinen läßt, so kommt noch ein anderer Grund dazu. Jacob Grimm hat vor allem Verständnis und Freude an echt volkstümlicher Dichtung, sein Herz wird warm, wo es sich um solche handelt. Wir sehen, wie seine Begeisterung erwacht, wenn er von den spanischen Romanzen spricht oder von italienischen Volksliedern, wie der Liebling der Romantik, der Renaus von Montauhan, ihm bis in sein spätes Alter hinein teuer bleibt. Wo er das naive Element, das ihn so sehr anspricht, ver- mißt, da wird er der romanischen Dichtung nicht ganz gerecht. Nur spärlich sind seine Urteile über sie und merklich kühl. Wie August Wilhelm Schlegel durch sein feines Formenver- ständnis zum begeisterten Dolmetscher romanischer Poesie wird und eigentlich versagt, wenn es sich um Werke handelt, die nicht die Meisterschaft der Form zeigen, so wird Jacob Grimm ro- manischer Art nur gerecht, wenn er von Werken spricht, die un- mittelbar aus der Poesie des Volkes geschöpft sind. Es ist charak- teristisch, daß gerade seine Silva de romances viejos so starke Wir- kungen auslöste, weil er bei dieser Arbeit mit dem Herzen dabei war, und daß sonst die größte Förderung, die er der jungen mit Romauisteu und Schrit'tstelk-i n 341 A\'jöseiiscliaft zuteil werden ließ, iu seinen indirekten Anregungen beruht, weil alles, was er für germanische Sprach- und Literatur- forschung leistete, vorbildlich wurde für die Schwesterdisziplin. So wirkt er in der romanischen Philologie oft wie ein Säemann, der verschwenderisch von seinem Felde Samen hiu überstreut auf ein (jebiet, das er gar nicht bestellen will, der aber dann doch mit Freude sieht, daß die Saat aufgeht und Früchte trägt. Unsere Blicke werden durch die Briefe auf eine lleihe von Arbeiten gerichtet, die zu Jacob Grimms romanistischer Wirk- samkeit gehören, und wenn sie auch nur das Verdienst haben, auf eiuen Stoff aufmerksam zu machen, der damals noch nicht bekannt ist. So weist er in seiner Abhandlung über Hornkind und Maid lllmenhild auf die altfranzösiche Fassung der Dichtung hin, wir sehen, wie er sich bemüht, durch Vermittlung Roqueforts von De 1 a R u e eine Abschrift und nähere Kenntnis der alt- 1 raiizösischen Dichtung zu erlangen, die er richtig schon mit dem späteren Roman von Poutus und Sidoine zusammenbringt. Er teilt die anziehende Sage von der Turteltaube mit und gibt Belege aus romanischen Dichtungen für sie, die er zum Teil Roque- forts Gefälligkeit verdankt. Vergleichende Sagenforschung treibt er, wenn er der aus der Karlsdichtung stammenden Ge- schichte des Traumes von dem Schatz auf der Brücke in den ver- schiedenen Literaturen nachgeht. So bieten die Briefe auch eine Ausbeute für seine roma- nistische Tätigkeit, daneben aber zeigen sie, wie deutsche Gelehr- samkeit im Nachbarlande Anerkennung findet. Wir haben viele I^eweise dafür, daß man sich im 19. Jahrhundert in Frankreich von den Tagen der Frau von Stael an bemüht, deutscher Art gerecht zu werden, ihr mit Verständnis näherzukommen. Jacob G r i m m selbst stand diesem Bestreben der Franzosen etwas skeptisch gegenüber und meinte, es werde noch geraume Zeit ver- streichen, 'ehe die harte Münze deutscher Gelehrsamkeit dort in Gang komme'. -^ Wir bedauern, daß er unter den romanischen Philologen Fiiiiikreichs nicht in näheren Verkelir mit den großen Forscliern R a 3' n o u a r d und F a u r i e 1 getreten ist, von denen ihm be- sonders der letztere sympathisch war. dessen persönliche Bekannt- schaft er in Paris im Jahre 1814 machte. Sie wären kongenialere Xaturen gewesen als der wohl fleißige, aber oberflächliche Ge- lehrte Roquefort, der bei allen seinen Arbeiten, die ihn auf die verschiedensten Gebiete der Literatur und Sprachwissenschaft ' Kinige Briefe aber, die hier nicht mitgeteilt werden, da sie mit ronin niacher Philologie nichts zu tun haben, zeigen, welche allgemeine Anerken- Tuiug Jacob Grimm unter den französi.schen Gelehrten irefimden hat. Archiv f. ii. Sprachen. 134. 23 342 Aus dem Briefwechsel der Brüder Grimm l'iilirten, nie zu rechter Tiefe durchdrang. Sein Vcrhäliiiis zu ririmm ist nunmehr ganz aufgeklärt. 15 Briefe sind erlialten, alle aus den Jahren 1809 — 12 stammend, aus späterer Zeit ist kein Briefwechsel zwischen beiden Männern bezeugt, die sich auch in Paris persönlich kennengelernt luitten; Jacob Grimm urteilt nicht eben günstig über den l'ranzü.sischen Gelehrten im Brie!" an sciinen J3ruder. Unter den Briefen deutscher Gelehrten ist es uns l>esonders lieb nunmehr den zu besitzen, in dem Ferdinand Wolf Jacob Grimm die Widmung seiner Primavera y Flor de romances anzeigt als Dank für die von der Silva empfangene Anregung. Aus den Briefen von U h 1 a n d s Freund Holland ersehen wir, daß dieser durch Jacob Grimms Vermittlung last 'die bescheidene Stellung des Professors für romanische Philo- logie' an der Berliner Universität erhalten hätte. An ihn sind Jacob Grimms Antwortbriefe erhalten,^ die hoffen lassen, daß vielleicht auch noch andere gefunden und der Öffentlichkeit übergeben werden. Dem Reichtum der an Jacob Grimm gerichteten Briefe steht Wilhelm Grimm nach. Er ist mit der romanischen Philologie nicht so eng verwachsen wie der Bruder, doch finden wir von ihm das Konzept eines Briefes an Michelaut und seine Briefe an Holland mit den Antwortbriefen jener. Ein Brief Ferdinand Wolfs führt auf das vertraute Gebiet der Märchenforschung, das Wilhelm Grimm vor allem lieb ge- wesen. Und da ist ein schönes Zeugnis dafür, wie gerade jener Zweig der Forschung auf fruchtbaren Boden gefallen, der Brief eines französischen Studenten Cos quin, des späteren Märchen- forschers, der noch an beide Brüder gerichtet ist, aber nur Jacol) erreichte, da Wilhelm schon gestorben war. Da die Originale der Briefe durch einen Brand zum Teil ge- litten haben, war es nicht möglich, einzelne Worte zu lesen. Die Orthographie der Originale ist beibehalten. Ich gebe zunächst I. die Briefe von Ausländern an Jacob Grimm in chrono- logischer Reihenfolge, doch so, daß die Briefe eines Einzelnen nicht auseinandergerissen werden, darauf IL die Briefe von Deut- schen an Jacob Grimm. Den Beschluß bilden III. Briefe von und an Wilhelm Grimm. 1 Die.se Briefe wie die von W. G r i m ni befinden sich in der Tübinger Bibliothek, der ich für die Druckerlaubnis verpflichtet bin. mit Koinanisteu iiiul Sein iftstcllci ii 343 Briefe von Ausländern nn .lacob Giinmi. J. B. B. de Roquefort' 1777—1834. I. Paris 14 aviil 180!). Monsieur, J'a,i legn hi leLln- dont vous avcz bien vüulu iiiliouorer et sans uue espece doplitaliiiie qui m'a ot6 le moyeu de travailler jy eusse repondii .sur le (;Lamp. Kien u'est plus avautageux aux progies des lettres et des scieuces que li'.s coniinunications qui peuveut s'etablir entre les persoanes qui les culti- veiit; soiis ce poiüt de vue, sur rassuraiiee qut^ vous voudrez bieii inaider de vu.s coiistrils, j'accepte avec recounai.ssauee la propositiou que vous nie faites, eu urC'clairant sur les delauts de inon Glossaire, de correspoudre eu- senible, je ilierelierai ä ue poiut ralleiitir cette eoiiiinuiiicatiou ijui iic pi'hl etrc qu'avaiitugeuse et houorable pour nioi. Apres avoir effleurß une partie des sciences, la revolution frangoise iH'obligea ä prendre un 6tat, le Service de l'Artillerie et du Genie nie parQt uue carriere digue d'etre parcourue, mais une foible sant^ et plus encore une uiauvaise vue nie forcerent a, enibrasser une profession plus eonfornie ä nion etat. Initie de bonne heure ä gouter les charnies des beaux arts, ayant pousse assez loiii letude de la musique, je me suis adonnß il l'e